Buch verschwunden von Bruno Woda

Ein nettes Pärchen und offensichtlich an Büchern echt interessiert, dachte ich.

Sie griff sich gleich den Krimi mit dem mörderischen Titel und las den Klappentext.

Er war noch unschlüssig, verwickelte mich in ein Gespräch über den Vorteil von e-Book-Readern gegenüber Print. Sie stellte ihre Einkaufstasche auf den Büchertisch.

Ich fragte ihn, ob er unserem Superhelden ein Gesicht geben will. Die Idee war, den Besuchern unseres Bücherstandes ein paar Ideen zu entlocken, wie die Hauptperson eines Romans oder einer Kurzgeschichte aussehen könnte. Also was für einen Beruf sie haben könnte, welche charakterlichen Eigenschaften, welches Outfit und eventuell ihm schon einen Namen geben. Offensichtlich hatte er keine Lust mitzuspielen. Aber die Frau wurde aufmerksam, schien interessiert. Er wechselte zur Einkaufstasche.

Ich drückte der Frau einen roten Filzstift in die Hand und sie begann sogleich dem Kopf der Romanfigur einen roten Schnurr- und Backenbart zu verpassen. Er blätterte in dem Krimi, den seine Frau angelesen hatte. Das Buch verkaufte sich gut. Es lagen nur noch vier Exemplare am Büchertisch.

Die Frau verpasste der Figur den Namen Paul Ungestüm. Sie schmunzelte mit etwas Sarkasmus im Blick. Dann malte sie noch eine Art Schwert an die linke Hand unseres Superhelden.

Ihr Mann drängte weiterzugehen. Sie lies den Filzstift fallen. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben.

Der Mann reichte ihr die Handtasche. Beide nickten mir freundlich zu und verschwanden im Besucherstrom.

Wo die Tasche stand, waren die Bücher ein wenig verschoben. Ich ordnete sie optisch akkurat.

Von unserem beliebten Krimi lagen nur noch drei Exemplare am Tisch. Gekauft hatten die beiden nichts.

Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Beide sahen eigentlich seriös aus.

Kurz vor Ende der Besucherzeit kam die Frau erneut zu unserem Bücherstand. Ohne Mann.

Sie griff sich den gleichen Krimi und schlug die Seite auf, wo beschrieben stand, wie der Mord begangen wurde. Der Autor hatte lediglich die Giftpflanze genannt, welche der Mann der jungen Frau in das Wiskey-Cola zugemixt hatte.

Die Frau fragte: „Wie kommt man denn an den Samen des Besenginsters ran?“

Gutgläubig antwortete ich: “Suchen Sie bei Wikipedia, hab ich selbst getan, als ich das Buch gelesen hatte.“

Die Frau ließ nicht locker: „Und was ist die tödliche Dosis des Samens?“

„Googeln Sie einfach Besenginster, tödliche Dosis Spartein.“ Ich dachte mir nichts dabei.

Sie legte das Buch zurück, bedankte sich bei mir mit einem kessen Augenaufschlag, schrieb noch „Susanne Lieblich“ auf das Superheld-Poster und zog ab.

Erst jetzt kam ich dazu, mir Gedanken zu machen. Warum wollte sie die tödliche Dosis der Besenginstersamen so genau wissen? Und wieso wusste sie, dass es im Krimi beschrieben war?
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die hatte das Buch geklaut.

Und mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wer Bücher stiehlt, der ist zu allem fähig.