Ein Klassenausflug mit Folgen von Anette Rehm

Darf ich mich vorstellen? Gestatten, Beate Bedüfner, Spitzname „Beate Bedürftig“. Leider kein netter Spitzname, ich weiß. Aber den hat mir meine Klasse verpasst. Ich bin nämlich Lehrerin für Deutsch und Mathematik am Peter-Henlein-Gymnasium in Nürnberg. Und zuständig für die Klasse 7 e. Sie können mir glauben, gegen diese Klasse sind die Chaoten aus der „Fack ju Göthe“-Reihe die reinsten Lämmer und Musterschüler. Beispiel gefällig? Gern!

Als ich neulich mit meiner Klasse den „Pole Poppenspäler“ von Theodor Storm lesen wollte, da knallte mir Jenna Twin ein „Ich lese nicht, und bin stolz darauf!“ an den Kopf. Dazu muss ich sagen: Jenna ist immer topmodisch angezogen und bestens geschminkt. Statt 14 sieht sie aus wie 20, mindestens. (Wenn ich bösartig sein darf: ich erwarte schon die ganze Zeit, dass eine ungewollte Schwangerschaft ihre „Schulkarriere“ beendet …) „Ja, wozu lesen?“ schlossen sich Lenny und Carmen an. „Naja, damit Ihr besser lesen und schreiben könnt, und Du, Lenny, zum Beispiel weißt, dass man „Kobold“ nicht „Kobolt“ schreibt!“ schoss ich zurück. Das prallte aber ab.

Der einzige Schüler, bei dem ich das Gefühl habe, er nimmt mich ernst und sieht mich nicht die ganze Zeit mitleidig an, ist Bernd Hepperlesbuckel. Aufmerksam verfolgt er den Unterricht, macht die Hausaufgaben, und kann sich – im Rahmen seines Alters und der fränkischen Herkunft – gut ausdrücken. Die anderen Schüler machen sich gerade mal verständlich, von reden, oder gar interessant erzählen will ich jetzt gar nicht sprechen. Aber, wie gesagt, ich werde mitleidig betrachtet und „Fräulein Bedürftig“ genannt.

Noch gebe ich aber nicht auf! Ich möchte den Unterricht interessant gestalten, irgendetwas muss doch diese Schlamper interessieren! Also hatte ich Anfang November einen Ausflug auf die hiesige Verbrauchermesse, Consumenta, geplant. Das hörte sich doch schon mal gut an in den Schülerohren: kein Unterricht, sondern draußen herumlaufen, Stände angucken, vielleicht sogar unbemerkt verduften können …

„Puh, ist das hier voll“ hörte ich am Messebesuchstag Luci stöhnen. „Halt bloß Deine Goschen“, wisperte es leise, aber für meine trainierten Ohren immer noch vernehmlich, zurück. „So können wir im Getümmel gut abhauen!“ Nix da …

„Oh schaut mal, da ist Pucki!“ Während ich mich noch fragte, wer denn „Pucki“ sei, stürzten meine Schüler zu einem Stand. Oh, was war das denn für eine große Figur? Ein Mensch im Tigerkostüm, mit einer Art Trikot an. Schnell wurde ich aufgeklärt „das ist doch das Maskottchen der Ice Tigers“. Ah ja. Himmelhochjauchzend waren die Jungs und Mädels auf einmal, jeder wollte ein Selfie mit diesem Pucki. Während wir also so dastanden, und einer nach dem anderem mit Pucki posierte, sah ich mir das umliegende Angebot an. Und da fiel mir ein kleiner, rosa angehauchter Stand ins Auge. Mit Büchern. Vielen Büchern. Was sehr ungewöhnlich ist für die Consumenta, denn dort gibt es meist nur Essen, Trinken, Werbegeschenke und vieles für den Haushalt. Aber nichts für den Geist.

Mit der netten Dame hinter dem Auslagetisch kam ich schnell ins Gespräch. Und jammerte ihr vor, dass ich meine Schüler einfach nicht zum Lesen animieren konnte. Was mich zu Tode betrübte. Ob sie nicht einen Tipp hätte? Sie war auch erst fassungslos, wie man sagen kann „ich lese nicht und bin stolz darauf“. Denn Lesen eröffnet ja neue Welten, neue Horizonte. Gibt Anregungen und Denkanstöße. Dann überlegte sie kurz und sah hinüber zu Lenny, der heute wie ein Dressmann gestylt war. Naja, jedenfalls so, wie sich ein 14jähriger mit Vorbild Justin Bieber stylt … Lenny machte gerade seine Selfies mit Pucki. „Pucki, komm einmal her“ kommandierte die Dame streng. Und Pucki kam auch prompt … „Sag mal Pucki, was machst Du in Deiner Freizeit?“ Und derjenige, der im Fell steckte, war anscheinend sehr gewitzt und griff gleich den Wink auf. Er deutete (Maskottchen sprechen ja nicht) auf die Bücher. „Lesen? Tiger lesen?“ staunten die Dame und ich gleichermaßen – und sehr glaubwürdig. Denn Bernd fragte Pucki „ja, was liest Du denn so?“. Pucki deutete erst auf einen Krimi, dann auf ein Sachbuch zu Nürnberg. „Echt jetzt?“ war auch Jenna baff. Man sah ihr richtig an, wie es hinter der stark geschminkten Stirn arbeitete. Nennen Sie mich bösartig, aber ich glaube nicht, dass dort schon viel Denktätigkeit stattgefunden hatte!

Nach einer Weile meinte dann (natürlich wieder) Bernd, dann kaufe er halt mal den Krimi. Wenn Pucki das lese, müsse es wohl gut sein. Und was soll ich sagen – die anderen schauten sich auch Bücher an, und wählten jeweils eines aus. „Starke Leistung, danke, Pucki“, flüsterte ich dem flauschigen, gut zwei Meter großen Tiger zu. Der verabschiedete sich mit einem „Daumen hoch“ von mir und mit Ghettogruß von den Schülern.

Den Rest der Messe erspare ich mir und Ihnen. Voll, einfach nur voll. Aber der Besuch hatte sich echt gelohnt. In der Woche nach dem Messeausflug hatte ich dann in Deutsch eine Stunde angesetzt „welches Buch ich mir ausgesucht hatte, worum es darin geht und wie es mir gefallen hat“. Sie werden es nicht glauben, jeder einzelne hatte „sein“ Buch durchgelesen. Dabei kam es dann noch zu interessanten Diskussionen, weil gleich vier, unter ihnen ja Bernd, den Krimi gekauft hatten. Und jeder doch eine etwas andere Meinung zur Story und zu den Beweggründen des Täters hatte. Süß-frech fragte mich dann Carmen am Ende der Stunde: „Und, was empfehlen Sie uns jetzt, Frau Bedürftig, äh, Entschuldigung, Bedüfner?“

Da schlug meine große Stunde! Ich holte wieder den „Pole Poppenspäler“ hervor und gab ihnen allen die Aufgabe, ihn innerhalb einer Woche zu lesen. Und mir dann in der Stunde zu sagen, welcher Aspekt der Novelle auch und gerade heute aktuell ist. Denn die Novelle ist ja 133 Jahre alt. Nun bin ich gespannt, ob Lenny, Carmen, Bernd, Jenna und die anderen das herausfinden …

Und wenn Sie nun neugierig geworden sind, dann lesen auch Sie meine Lieblingsnovelle, die ich das erste Mal als 11-Jährige im Freibad gelesen habe – und so von der Handlung gefesselt war, dass ich die Zeit vergaß und mir einen üblen Sonnenbrand auf dem Rücken einhandelte!

Alle handelnden Personen sowie die Geschichte selbst sind frei erfunden. Nur die Figur des Pucki und die Consumenta gibt es wirklich, ebenso wie die Novelle von Theodor Storm. Sehr empfehlenswert zu lesen!